Günter Reinhold: Die Entwicklung der künstlerischen Persönlichkeit (Auszug)

"Persönlichkeit ist die dynamische Ordnung derjenigen psycho-physiologischen Systeme im Individuum, die sein charakteristisches Verhalten und Denken bestimmen.“ Dieser Satz von Gordon Allport ist hierfür in besonderem Maße  relevant. Wenn man Mitteilungen bedeutender Interpreten zu jenem Vorgang hört, den man „Interpretation im engeren Sinne“ nennt, so handelt es sich um etwas, das aus dem Innersten der Persönlichkeit stammt. Aussagen wie die Edwin Fischer zugeschriebene, dass in einem solchen idealen Moment nicht er, sondern es spiele oder jene von Alfred Cortot beschriebene Situation, wo ein Amalgam aus dem vorgegebenen Werk, seinem Schöpfer und Ausführenden stattfindet, aber auch Hinweise in der Literatur, z.B. in Rilkes Duineser Elegien beschreiben diesen Vorgang. Voraussetzung dafür aber ist, dass der Instrumentalist ein Interpret wird. Das heißt, dass zu seinen instrumentalen Techniken eine „Konditionierung“ hinzutritt, die eine „Entbergung“ der Kunst erst möglich macht. Dies kann nicht einfach gelehrt werden. Möglich ist jedoch ein Hinführen in diesen Bereich, sozusagen vorbereitende und flankierende Maßnahmen. Wie kann man solche beschreiben?

 

Denkt man in Analogie zur Musik an ein Werk der Architektur, so würde die Ausformung aller Details des Bauwerks und deren Relation zum Ganzen ohne Frage als wesentlicher Bestandteil angesehen. In musikalischen Meisterwerken ist genau das bereits angelegt. Da aber zur Realisation von Musik deren Ausführung gehört, tritt als zweiter wesentlicher Teil die Darstellung der Musik in all ihren Parametern hinzu. Hier gilt es nun, das Verhältnis der Teile zum Ganzen, die Strukturen des horizontalen und vertikalen Geschehens auszuloten. Das Niveau der Ausführung schafft die Art des Zueinander der „tönend bewegten Formen“ und somit die Voraussetzung zu Interpretation. Die Reflexion darüber, wie eine Lehre hierfür aussehen könnte, führt zur Erkenntnis, dass die Praktizierung des „Vormachen-Nachmachens“, mag sie auch noch so beispielhaft erscheinen, letztendlich wenig hilfreich ist. Das Anliegen eines Lehrenden sollte sein, sich nicht selbst zum Maßstab zu nehmen, sondern zu versuchen, den Weg des Schülers zu seinem eigenen Empfinden zu ebnen. Es ist im künstlerischen Bereich die vornehmste Aufgabe, den Schüler zu sich selbst zu führen